Mai 2022, Flashback Eisenach.
Martina und ich treffen uns das erste Mal live und in Farbe auf halber Strecke von unseren persönlichen Basislagern. Endlich sind mal kein Bildschirm und 541 km zwischen uns. Wir waren kurz vorher mit TIO_B live gegangen, wollten auf das vergangene Brand-Kreations-Jahre anstoßen, bisschen durch Eisenach bummeln und auch mal Gespräche über den Business-Rand hinausführen. Schon am zweiten Abend waren dann die Wände unserer schönen Unterkunft mit Post-Its tapeziert. Wir waren deep down im TIO_B BootCamp gelandet und schlugen uns Visionen wie Kissen um die Ohren.
Wir wussten, wir können nicht nur meckern und mit Fingern auf destruktive Geburtsbilder zeigen – wir müssen selbst Lösungen anbieten. Aber wie? Und mit welchem Budget?

Was, wenn es ein Buch wird?
Wir hatten kein Geld für große Kampagnen. Schon bei der Konzeption des Branding haben wir gemerkt, wie rar unsere Zeit für TIO_B neben unserer Erwerbs- und Care-Arbeit ist. Gleichzeitig merkten wir, wie gut unser Podcast und die Blog-Beiträge ankamen. Und wir hatten noch so viel zu erzählen. Also wie wäre es, wenn wir all unsere Ideen und Expertise für zeitgemäße Geburtsbilder sammeln und DAS Handbuch für Kreative schreiben würden? Die Gestaltung könnten wir selbst übernehmen – logisch – und die Produktionskosten würden wir locker über Crowdfunding einnehmen können bei diesem super wichtigen Thema. Schon im Sommer 2022 bekamen wir die Zusage für Fördermittel der VG Bild/Kunst – ein erster, riesiger Erfolg bei insgesamt 50 Bewerbungen. Wir würden das Buch also Ende 2022 drucken lassen und könnten es zur Weihnachtszeit verkaufen. Das war der Plan. Ein super Plan, der leider nichts mit der Realität zu tun hatte.
Du oder ich?
Als jede für sich in ihren Alltag zurückkehrte, trug uns die Euphorie noch eine ganze Weile. Wir hatten uns in Eisenach erste Deadlines gesetzt. Außerdem war ein grobes Inhaltsverzeichnis entstanden, sodass wir bereits erste Kapitel unter uns aufteilen konnten. So stürzte sich Martina auf die Texte rund um die Geburt als empowerndes Ereignis, während ich mich erneut um die aktuelle Geburtssituation kümmern wollte – ein Thema, was ich bereits in meiner Bachelorarbeit und dem ersten Blogbeitrag zusammengefasst hatte. Ich dachte natürlich, ich würde es mir damit leichter machen und einfach ein bisschen Content Recycling betreiben – nix da. Schlussendlich war es aufwendiger die sich schnell wandelnden Gegebenheiten der Geburtshilfe in ein bereits bestehendes Textkonstrukt einzubauen.
Themen wie Licht und Perspektive blieben sogar erst einmal ohne Zuständigkeit und auch unsere geniale Filmszene, die im Endeffekt durch Martina realisiert wurde, war zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht geplant.
Recherche
Der Ausgangspunkt für alle Kapitel war zunächst die Recherche, welcher wir wirklich viel Aufmerksamkeit gewidmet haben. Wir waren uns von Anfang an einig, dass wir, wenn, dann nur ein glaubwürdiges Buch schreiben wollten – Leser*innen sollten unseren Aussagen vertrauen können, weil sie überprüfbar sind. Und ich hoffe sehr, dass wir dem gerecht geworden sind.
Für mich war die Recherche-Arbeit die beste Zeit am ganzen Projekt, da ich gerne wie eine Detektivin online nach Daten und wissenschaftlichen Publikationen zu marginalen Themen suche. Was Erkenntnisse zur Geburtshilfe über den deutschen Tellerrand hinaus oder Geburtserfahrungen bei Menschen mit Behinderungen angeht, bin ich dabei auch voll auf meine Kosten gekommen. Hier gibt es immense Lücken zu füllen! Im Hinterkopf schmiede ich bereits Pläne, wie dieser Blog das in Zukunft ändern kann.
Xenia kommt an Bord!
Im September 2022 hatten wir genug Buchstaben aneinander gereiht, dass mal lieber jemand drüber schauen sollte. Heißt: Wir brauchten dringend ein/e Lektor*in. Die offizielle Seite vom Verband freier Lektorinnen und Lektoren e. V. war unsere erste Anlaufstelle. Und während ich noch befürchtete, dass dies ein zeitraubender Prozess mit zahlreichen Absagen werden würde, machte es bereits bei unserem Erstgespräch mit Dr. Xenia Boe „Klick!“. Wir sind mega dankbar dafür, dass Xenia von Anfang an das Potenzial des Buches gesehen und uns bis zum Schluss den Rücken gestärkt hat. Ihre Arbeit war für uns eine super Unterstützung und gleichzeitig eine riesige Challenge, denn es hieß stetig Texte neu und anders zu schreiben. Xenia brauchte also einen langen Atem für unsere On-/Off-Arbeitsbeziehung aufgrund unserer Schreibpausen, Motivationslücken und Blockaden. Je länger unsere Pausen wurden, umso schwieriger war es wieder ins Schreiben zu kommen. Andererseits konnte man die Texte mit Abstand noch mal neu und neutraler betrachten und Änderungen wurden einfacher.

Alles – nur kein Pastell
Als kreative Köpfe mit zwanghaftem Bedürfnis sich visuell auszudrücken war von Anfang an klar, dass wir die Gestaltung unseres Buches auch selbst übernehmen würden. Und klar war auch, dass in diesem Falle die Gestaltung nicht nur hübsches Beiwerk werden würde. Unser Buch ist ein Statement, die Gestaltung auch. Wir brauchten sie kraftvoll, lebendig, ein wenig radikal und unkonventionell. Genau Martinas Ding!
Ihr war besonders wichtig das Empowerment des Themas selbst durch große Farbflächen und starke Typografie zu verkörpern. Wir hätten Geburt auch ganz zart und in Pastelltönen abbilden können – wie wir es in unseren Köpfen mit Babys verbinden – doch genau das wollten wir nicht.
Fachbuch ja, Langeweile nein
Natürlich war es außerdem wichtig, dass es auf den zweiten Blick sofort als Fachbuch erkennbar ist. Register und Seitenzahlen sollen Orientierung ermöglichen und in die Lage versetzen, ausgewählte Themen schnell wieder zu finden. Gleichzeitig wollten wir ein Buch kreieren, das Spaß macht, das einen auf eine visuelle Reise mitnimmt und in dem es auf jeder Seite etwas Neues zu entdecken gibt.
Nun ist es aber so: Wer viel zu sagen und zu zeigen hat, gerät schnell in einen Gestaltungsrausch und klatscht hier noch eine Typo, da noch ein Grafikelement und hier noch eine Farbe rein. Martinas ADHS-Hirn lief auf Hochtouren – ich brauchte das lediglich mit etwas Struktur und Ordnung zu unterstützen. Martina möchte an dieser Stelle fürs Protokoll Folgendes hinzugefügt haben: “Ohne Elisas Gefühl für Struktur, sowie ihre wissenschaftliche Expertise und Herangehensweise, wäre der Leitfaden weiterhin ein wilder Haufen Bilder und Buchstaben. Wir ergänzen uns in unseren Eigenschaften und Fähigkeiten perfekt und ich bin so froh, Elisa an meiner Seite zu haben!”
Und trotzdem mussten wir erstmal fleißig reduzieren!
Die einfachsten Ideen sind oftmals die besten
Wer hofft, dass hinter unserem genialen Cover eine super spannende Entstehungs-geschichte steckt, den muss ich leider enttäuschen. Martina bezeichnet es selbst als eine „klassische Eingebung“. Der Titel Dreht die Frauen um! stand bereits fest, resultierend aus Martinas Bilderserie (2019) über Gewalt in der Geburtshilfe unter dem Hashtag #drehtdiefrauenum. Bereits damals hatte sie zunächst die Intention neue und bessere Geburtsbilder zu kreieren bzw. mit dem Hashtag dafür zu appellieren, nur wollten diese “düsteren” und kritischen Bilder zuerst raus. Schlussendlich fand Martina es eine fancy Idee, wenn Leser*innen aktiv die Aufforderung des Titels mit dem Buch selbst umsetzen mussten, um weitere Buchangaben lesen zu können und sie suchte nach passenden Geburtsposen. Ich erinnere mich noch heute daran, wie völlig geflasht ich von Idee und Umsetzung war, als sie mir den ersten Entwurf zeigte – ich war wirklich völlig aus dem Häuschen.

Nächster Halt: Art Direktion
Besonders aufregend und spaßig fand ich Martinas Metamorphose zur Art Direktorin. Ich bin ja der Meinung, dass sie da eine weitere Superkraft entdeckt hat. Sie ist richtig aufgeblüht, als es darum ging passendes Bildmaterial zu kuratieren und Künstler*innen anzuschreiben, welche Sie dann mit konkreten Bildwünschen beauftragen durfte. Kurzer Fangirl-Moment meinerseits: Wie cool ist es bitte, dass Kolleginnen wie Nadine Roßa und Dani Becker bereit waren unser Buch mit Illustrationen zu unterstützen! Und auch die Tatsache, dass wir ein Werk des britischen Künstlers Jonathan Waller zur Beckenendlage abdrucken durften, gibt mir immer noch Goosebumps. Dann meldeten sich so viele tolle Fotografinnen auf unseren Aufruf, sodass dieses Buch so bildepisch werden konnte, wie es jetzt ist. Es steckt so unglaublich viel Potenzial darin, wenn Künstler*innen andere Künstler*innen supporten.
Jetzt mal ganz praktisch (#unbezahlte Werbung)
Zu zweit ein Buch zu schreiben, ohne sich dabei ein Büro zu teilen, funktioniert ganz praktisch nur mit den passenden Tools. Wir brauchten Software für unsere regelmäßigen Videokonferenzen und haben immer wieder unterschiedliche Optionen ausprobiert. Austausch für Mal-schnell-Zwischendurch haben wir mit Slack organisiert. Unsere To-Do-Listen haben wir in unterschiedliche Kategorien, wie Redaktionsplan, Marketing, etc. aufgeteilt und auf Trello-Boards organisiert. Gepflegt haben wir das mal mehr und mal weniger. Und nicht zuletzt war die gute alte Dropbox super wichtig für das Teilen und die Archivierung großer Dateien. Martina hat bei effizienten Tools immer voll den Durchblick, während ich einfach mitschwimme.
Kurz oder lang?
Im Endeffekt haben wir 4 lange Jahre gebraucht und bevor ich diesen Blogartikel geschrieben habe, war ich sehr unglücklich darüber. Doch jetzt frage ich mich, ob es nicht tatsächlich total krass ist, das alles – Recherche, Schreibprozess, Lektorat, Korrektur und Revisionen, Design, Layout, Satz, Koordination der Bildbeiträge und Illustrationen, Druckvorbereitung und Marketing – in diesen doch dann wieder sehr kurzen 4 Jahren geschafft zu haben.
Und ja, die typische Projekttalfahrt war eine enorme Herausforderung: erst Motivation ultra hoch, es geht schnell voran, Aufregung, Endorphine – geil. Dann flacht die Kurve ab, Routine stellt sich ein – es wurde langweilig. Bei Martina wurde die Angst vorm Projekt zwischenzeitlich immer größer, sodass sie sich immer weniger ans Schreiben traute. Ich war da keine große Hilfe, denn meine Motivation ging in Kontroll- oder Lektoratspausen ebenfalls in den Keller. Alles geriet ins Stocken. Nichts ging mehr – Blockaden fühlten sich zunehmend unüberwindbar an. Martina baute sich zur Ablenkung (oder auch Flucht) gleich noch ein zweites Standbein in einer völlig anderen Branche auf – aus heutiger Sicht ein netter Nebeneffekt.
Showdown
Dann stand Anfang 2026 der Text zu 95%, Layout und Bilder auch… aber die letzten 5% fertigzustellen war ein Kraftakt und erforderte eine Menge Disziplin. Es hieß für uns also das Ziel klar vor Augen zu behalten, sich die Relevanz erneut deutlich zu machen, das positive Feedback von außen ernst zu nehmen und wertzuschätzen – also, Arschbacken zusammenkneifen! (Außerdem saß uns die Kulturförderung im Nacken und fragte, wann wir endlich fertig würden…) Wir reanimierten unseren Insta-Account und konnten es kaum fassen, als Mitte August die ersten Vorbestellungen bei uns eintrudelten.

Welche Lücke füllt das Buch?
Besonders in den letzten zwei Jahren sah es zwischenzeitlich so aus, als wäre unser Buch mittlerweile obsolet. Social Media Kanäle wie bauchgeburt und painfreebirth.germany nahmen Fahrt auf und Bücher wie Mythen, Macht und Muttermund (Helena Barop) wurden gedruckt. Doch unsere Session beim b°future Festival für konstruktiven Journalismus in Bonn belehrte uns eines Besseren. Wir konnten erneut erleben, wie groß der Bedarf und das Interesse an diesem Thema immer noch sind. Der Vorher-/Nachher-Effekt durch den Workshop war toll zu beobachten. Zu Beginn, als die Teilnehmer*innen ihr Geburtsbild im Kopf auf Papier bringen sollten, gab es natürlich ein paar klassische Rückenlagen mit Drama, doch am Ende hatten wir es geschafft, auch diese Bilder zu verändern. Besonders der Aha-Moment einer Teilnehmerin, die während unserer Session reflektieren konnte, dass sie bisher lediglich traumatische Geburtsgeschichten schrieb und positive gar nicht auf dem Radar hatte, war für uns tragisch und motivierend zugleich. Außerdem wurde der dringende Wunsch nach einer Bilddatenbank für zeitgemäße Geburtsbilder geäußert, welchen wir als nächstes versuchen wollen zu erfüllen.
Die Konferenz in Bonn war für uns eine Möglichkeit neue Perspektiven aufzuzeigen und unsere Lösungsansätze einem Publikum außerhalb der Birth Bubble zu präsentieren. Die nächsten Einladungen trudeln bereits ein, wir bleiben gespannt.

Wie, du hast das Buch noch nicht?
Es ehrt dich sehr, dass du diesen Artikel ohne eine Bestell-Pause gelesen hast, aber nun wird es doch wirklich Zeit, dass du dir dein Exemplar holst. Zukünftige Gebärende danken es dir!





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