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Auf dem Rücken – Teil 1: Das aktuelle Geburtsbild in den Medien

von | Nov 5, 2021 | 0 Kommentare

Here we go! Wenn wir bei TIO_B am aktuellen kollektiven Geburtsbild schon zu meckern haben, dann wollen wir uns das jetzt aber auch gleich zu Beginn mal anschauen. Ich habe vor wenigen Monaten meine Bachelorarbeit für den Fachbereich Kunstgeschichte an der TU Dresden eingereicht. Dabei habe ich Geburtsdarstellungen in der Bildenden Kunst untersucht und hatte deshalb schon im Vorlauf sehr, sehr viel recherchiert. So, und diese Rechercheergebnisse kriegt ihr jetzt leicht verdaulich in diesem Zweiteiler zum aktuellen Geburtsbild.

Die aktuellen Top 3

Die ersten beiden Worte, die ich entgegengeworfen bekomme, wann immer ich unsere TIO_B-Frage Welches Bild hast du von Geburt? stelle (zuletzt meinen Kommilitonen), sind immer Krankenhaus und Schmerzen. Wenn wir dann die Frau noch visuell auf den Rücken in ein Bett packen, also in die denkbar ungünstigste Gebärhaltung ever (ausgehend von einer komplikationslosen Schwangerschaft/Geburt), sind das die Top 3 unseres aktuellen Geburtsbildes in den Medien.

Aber das sind gar keine großen Neuigkeiten. Tatsächlich gibt es bereits seit längerem viel Literatur zu dem Thema. 2016 hat sich deshalb ein britisches Forschungsteam mal die englischsprachige Forschungsliteratur genauer angeschaut, die sich mit der medialen Präsentation von Geburt auseinandersetzt. Dabei kristallisierten sich drei Hauptthemen in der Literatur heraus: 1. die Medikalisierung der Geburt1, 2. die Mediennutzung durch Frauen, um mehr über Geburten zu erfahren, und 3. die Geburt als fehlendes Ereignis im Alltag.

Das Fazit des Forschungsteams lautet dann wie folgt:

„Die Medien scheinen einen Einfluss darauf zu haben, wie Frauen mit der Geburt umgehen. Die dramatische Darstellung von Geburten im Fernsehen kann die Medikalisierung der Geburt aufrechterhalten, und nicht zuletzt fehlt es in den populären Medien oft an Darstellungen der normalen Geburt. Daher müssen Hebammen mit den Fernsehproduzenten zusammenarbeiten, um die Darstellung von Hebammenwesen und Mutterschaft in den Medien zu verbessern.“ 2

Meine Frage hier: Wie sollen sich Hebammen als Berater einbringen, wenn sie oftmals weder bei Ärzten noch in der Gesellschaft in dieser Position erwünscht bzw. anerkannt sind?

Viel Forschung – wenig Veränderung

Für mich war besonders interessant, seit wann bereits zu diesem Thema überhaupt geforscht wird. Die älteste der untersuchten Studien ist nämlich schon von 1997 und bespricht die Repräsentation von Geburt im britischen Fernsehen. Das ist über 20 Jahre her! Und vielleicht gibt es sogar noch ältere Studien. Das heißt aber auch, dass mindestens seit dieser Zeit das mediale Geburtsbild in der Forschung kritisch diskutiert wird und dabei (auch die oben genannten) Ergebnisse deutlich den negativen Einfluss zeigen. Und trotzdem liegen die Frauen in Film & Fernsehen bei Geburten immer noch auf dem Rücken? Trotzdem werden überwiegend Geburten in Kliniken inszeniert, es sei denn die Handlung spielt im Mittelalter? Meine Güte, wie langsam hier die Mühlen mahlen, wenn alles andere doch sonst so schnell geht in unserer technologisch fortschrittlichen (westlichen) Welt. Aber hey, es geht halt nur um die Geburt – ein marginales (Frauen-)Thema der Menschheit halt – und nicht um die Entwicklung und Zulassung eines neuen Impfstoffes. Ironie aus.

Geburt als Krise

In Deutschland sieht das natürlich nicht anders aus. Hier hat uns Prof. Dr. Birgit Althans einen großen Dienst erwiesen, als sie die drei Doku-Soaps Mein Baby (RTL), Babystation (ZDF) und Drillinge, und dann… (arte) untersuchte. Dabei konnte sie feststellen, dass alle drei Formate ausschließlich klinische Entbindungen zeigten. Wie bei amerikanischen Reality-TV-Shows musste der Unterhaltungsfaktor konstant hoch und die Zuschauer vor dem Fernseher gehalten werden. Die sonst „langweiligen“, über mehrere Stunden dauernden Geburten eignen sich dafür eher wenig, es sei denn sie werden wie hier als dramatische Krisensituationen inszeniert. Dafür werden die Geburtsgeschichten oftmals in mehrere kleine Puzzleteile geschnitten und dann im Wechsel mit Interviews oder Rückblenden wieder aneinandergereiht (serielle Fragmentierung). Das Ganze wird von einer Moderation (Erzähler) begleitet. Zusammen mit emotionssteigernder Musik suggeriert das eine dramatische Authentizität, die allerdings mit der Wirklichkeit einer Geburt in den meisten Fällen nicht mehr viel zu tun hat. Althans hat das Ganze wie folgt zusammengefasst:

„Die Docu-soap dient also in allen drei Formaten in erster Linie dazu, die Routiniertheit im Umgang mit dem Instrument der Krisenbewältigung bei der Geburt, dem Kaiserschnitt, zu zeigen.  Die eingespielten Praktiken der Teams und die Souveränität der verantwortlichen Ärzte […] (werden) vorgeführt. So lässt sich überspitzt formulieren, die Geburts-Docu-soap dient der Demonstration der Kaiserschnitt-Routinen […].“3

Prof. Dr. Birgit Althans

Bilderbücher: Geburt ohne Gebärende

Schauen wir mal auf ein anderes Medium. Bei Bilderbüchern sieht das aber nicht so viel besser aus. Die Sexualforscherin und Hebamme Clara Eidt hat 2016 die Entwicklung von Geburtsvorstellungen anhand von Gebärhaltungen in Bilderbüchern untersucht. Ihre Untersuchung umfasste zwei Teile. Zuerst hat sie 12 Geburtsdarstellungen aus Bilderbüchern von 1969 bis 1992 untersucht. Wer hier noch aufmerksam mitliest, fragt sich da jetzt vielleicht, warum sie nur so „alte“ Bilderbücher verwendet hat. Auflösung: Damit sie dann im zweiten Teil ihrer Studie sieben erstgebärende Frauen (19–36 Jahre) hinsichtlich ihrer Vorstellungen zur Geburt befragen konnte, die damals im „Bilderbuchalter“ waren. Was ist dabei herausgekommen? Na ja, dass neun von den zwölf Darstellungen eine horizontale Gebärhaltung, nur eine Darstellung eine aufrechte Gebärhaltung und die restlichen zwei gar keine expliziten Geburten zeigten. Zusätzlich sagt Clara Eidt, dass es sich bei den Darstellungen hauptsächlich um schematische Darstellungen von Becken und Kind handelte. Auf eine Darstellung des mütterlichen Gesichts wurde gleich ganz verzichtet. Damit liegt der Fokus auf dem rein medizinisch-anatomischen Vorgang einer Geburt. Ähnlich wie bei den Doku-Soaps. Mich erinnert das Weglassen der Gebärenden-Identität übrigens noch an zwei Dinge. Erstens an den OP-Vorhang bei einem Kaiserschnitt, der auf Höhe der Brust der Gebärenden gespannt wird und sie dadurch von ihrem (eigenen) Unterleib visuell abtrennt. Zum anderen aber auch an die Hebammenbücher des 16. und 17. Jahrhunderts. Auf die Illustrationen dieser Bücher werde ich zwar erst im nächsten Blogartikel ausführlicher eingehen, aber hier schon mal vorweg: Geburtsdarstellungen verschwanden aus den Büchern, an deren Stelle dann überwiegend anatomische Darstellungen der Gebärmutter und Kindslagen im Mutterleib gedruckt wurden. Der ausschließliche Fokus bei einer Geburt weg von der Mutter hin zum Kind ist also auch ein alter Hut. Meiner Meinung nach hat die Geburt also nicht nur in punkto Geburtsdarstellungen ein Update nötig.

„Das ist so wie aufs Töpfchen gehen“ – soziale Erwartungshaltung

Zurück zu Clara Eidt und ihrer Studie. Denn erst die Gruppendiskussion der Erstgebärenden macht quasi aus erster Hand deutlich, wie festgefahren diese Gedankenautobahnen in vielen Köpfen bereits sind. Auf die Frage hin, welche Geburtsposition sich die Teilnehmerinnen überhaupt nicht für ihre Geburt vorstellen können, zeigte eine Teilnehmerin auf die Hocke und meinte: „Das ist so wie aufs Töpfchen gehen, tut mir leid. Aber das möcht ich nicht damit assoziieren (lacht).“4 Aufrechte Gebärhaltungen und der Geburtsablauf in diesen Haltungen sind also mittlerweile so fremd, dass sie negativ mit Ausscheidungen assoziiert werden. (Mal abgesehen davon, dass das ja durchaus passieren kann und etwas absolut Natürliches ist!) Eine andere Teilnehmerin vermutete, dass sie sich unter der Geburt spontan durch ihre Instinkte leiten lassen wird, weshalb sie „wahrscheinlich dann auch instinktiv erst mal liegen“ würde.5

Die Untersuchung von Clara Eidt zeigt erneut, dass Frauen die Geburt in Rückenlage für den Normalfall halten. Außerdem sieht Eidt in den Bilderbüchern die Spiegelung der gesellschaftlichen Realität und der sozialen Erwartungshaltung des Gebärverhaltens.

Sie fasst zusammen:

„Wissen ist eine wichtige Grundlage für das menschliche Handeln. Gesellschaftliches und soziales Wissen beeinflusst die Entwicklung von Geburtsvorstellungen und prägt daher auch die Realität der Geburts(-hilfe) in Deutschland. Deshalb ist es interessant und wichtig in Zukunft explizites und implizites Wissen von Frauen über Geburt zu erforschen.“6

Clara Eidt

Licht am Ende des Tunnels

Und trotzdem bleibt Hoffnung. Stärker denn je rücken Frauenthemen und Tabus aktuell in die Öffentlichkeit. Ob es um den Gender Pay Gap, die Periode, die Menopause oder eben Geburten geht. Ich spüre deutlich, dass sich etwas ändert. Ein großer Schritt ist dabei wie immer, das Ansprechen und Kommunizieren dieser Themen. Zahlreiche mutige Videos von Geburten an den unterschiedlichsten Orten, von den unterschiedlichsten Frauen, in den unterschiedlichsten Positionen sorgen bereits dafür, dass die menschliche Geburt wieder mehr ein Teil unseres Alltags wird. Diese Möglichkeit der Teilhabe ist ein mächtiger Gegenpol zu den oben besprochenen medizinischen Standard-Darstellungen. Am liebsten schaue ich die Videos von Natasha Hance und ihrem Projekt Birth Unscripted. Ihre Videos wirken immer bestärkend und zeigen so eine wunderschöne Vielfalt an Frauen und Geburten. Und je mehr ihr mutig seid und über diese Themen, diese Videos, diesen Blog redet, um so positiver, schöner und freier können Geburten werden. Seid mutig und schafft mit uns zusammen ein positives Geburtsbild!

Langer Blog – kurzer Sinn

  • Das aktuelle Geburtsbild in Film, Fernsehen und Buch konzentriert sich auf die medizinischen Aspekte.
  • Deshalb sehen wir Frauen oftmals im Krankenhaus, auf dem Rücken liegend und unter Schmerzen.
  • Die mediale Repräsentation von Geburt beeinflusst unsere Geburtskultur und konditioniert Frauen für eine Geburt auf dem Rücken.
  • Seit mindestens 20 Jahren wird dieser mediale Einfluss untersucht und diskutiert.
  • Aufrechte Geburtspositionen sind kaum bekannt oder werden negativ bewertet, obwohl sie viel mehr Vorteile für den Körper und die Geburt haben.
  • Eine Möglichkeit, Geburt wieder als alltägliches Ereignis zugänglich zu machen, sind Geburtsvideos auf Youtube.

1 Medikalisierung bedeutet, dass zunehmend menschliche Lebensbereiche in den Fokus systematischer medizinischer Erforschung und Verantwortung rücken.
2 Luce et al. 2016, S. 1.
3 Althans 2008, S. 223.
4 Eidt 2016, S. 20.
5 Eidt 2016, S. 19.
6 Eidt 2016, S. 20.

Literatur

Althans, B. (2008). Repräsentation von Geburt in den Medien: Zur heimlichen Alterität der Geburt in TV-Docu-Soaps. In C. Wulf (Hrsg.), Geburt in Familie, Klinik und Medien: Eine qualitative Untersuchung, Oppladen, 207–227.

Eidt, C. (2016). Die Entwicklung von Geburtsvorstellungen: Eine Analyse am Beispiel von Gebärhaltungen in Bilderbüchern. Zeitschrift für Hebammenwissenschaft, 4(1), 19–21.
Online: https://www.dghwi.de/wp-content/uploads/2020/11/Zeitschrift-DGHWi_7._Ausgabe_1605.pdf (02.11.2021)

Luce, A.; Cash, M.; Hundley, V.; Cheyne, H.; van Teijlingen, E. & Angell, C. (2016). „Is it realistic?“ the portrayal of pregnancy and childbirth in the media. BMC pregnancy and childbirth, 16, 40.
Online: https://bmcpregnancychildbirth.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12884-016-0827-x (02.11.2021)

Auch noch interessant

Natasha Hance – Birth Unscripted (Youtube-Kanal)
https://www.youtube.com/channel/UCNm4gR3jfx7yzQc_J33KDiA/featured

Martina Bürger (Blogbeitrag)
https://www.martinabuerger.de/dreht-die-frauen-um/

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