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Auf dem Rücken – Teil 2: Das Geburtsbild in der Bildenden Kunst

von | Feb 5, 2022 | 0 Kommentare

In diesem Teil zum aktuellen gesellschaftlichen Geburtsbild habe ich Euch ein paar Infos zu Geburtsdarstellungen aus der Bildenden Kunst zusammengefasst. Es sind die Ergebnisse meiner Bachelorarbeit, nur halt nicht als 58-Seiten-Ausgabe. Für die Recherche nach Werken habe ich neben Google und Co. auch wissenschaftliche (Bild-)Datenbanken genutzt. Unter dem Schlagwort „Geburt“ poppen dabei wahnsinnig viele Werke auf, aber…haha!…nicht zu früh freuen – die wenigsten davon zeigen wirklich eine Geburt. Das, was im Endeffekt übrigblieb, hatte ich anhand unterschiedlicher Kriterien in Werkgruppen eingeteilt und dann analysiert. Keine Sorge, ich werde hier versuchen so viel wie möglich zusammenzufassen. Bereit?

Kein Einheitsbrei wie im Fernsehen

Big Bang vorneweg: Zum Glück sieht es mit der Diversität von Geburtsdarstellungen in der Bildenden Kunst nicht ganz so shitty aus, wie in den modernen Medien, aber auch hier ist nicht alles in Butter. Zunächst einmal sind konkrete Geburtsdarstellungen super rar und nicht nur das: Das Thema Geburt an sich wird in den Geisteswissenschaften so gut wie kaum thematisiert. Anne Hennessey hat dazu den Vergleich zum ebenso existenziellen Thema Tod gezogen, der sowohl von Künstler:innen als auch Forscher:innen bereits seit Jahrhunderten untersucht wird.1 In der Debatte um das Warum scheint die Killerphrase die unabwendbare Gewissheit des Todes zu sein. Hennessey meint dazu:

Simply stated, death is not the single certainty in every life. Birth is also a foundational event experienced by every being. […] but when we explore the histories attached to the topic of birth and its academic treatment, these negations become more explicable […].

Anne Hennessey

Kein Wunder also, dass mir aus dem Fachgebiet der Kunstgeschichte schlussendlich nur zwei Bücher zur Verfügung standen. Die Geburt in der Kunst (1978) des Gynäkologen und Kunstsammlers Volker Lehmann bietet einen netten Überblick mit vielen Werken, die sonst kaum zugänglich sind. Natürlich liegt der Fokus hier aber deutlich auf der Entwicklung der Geburtsmedizin. Auch bei Geburt und Kindbett im Spiegel der Kunst und Geschichte des Illustrators Friedrich Pruss von Zglinicki dreht sich alles um diese Entwicklungsgeschichte. Das Werk ist ein wahrer Schatz an Abbildungen und auch die Geburtsdarstellungen werden viel differenzierter betrachtet, aber leider geht es nicht über das 18. Jahrhundert hinaus. Dennoch ist mir nichts davon so nachhaltig im Kopf geblieben, wie die Tatsache, dass dieses Werk 1990 als Sonderausgabe für die Firma Grünenthal GmbH publiziert wurde. Und jetzt ratet mal, was die Firma Grünenthal verkauft? Nope, kein Grünzeug, sondern Pharmaprodukte. Und jetzt ratet nochmal, welches ihrer Produkte in den 1960ern Schlagzeilen machte? Richtig, Contergan.

Ups! (Bin ich die Einzige, die das unangenehm findet?)

Geburtsdarstellungen ohne tatsächliche Geburten

Zurück zu Geburtsdarstellungen in der Kunst. Natürlich findet ihr unter dem Schlagwort „Geburt“ wahnsinnig viele Treffer in den Bilddatenbanken. Der Großteil davon stammt aus dem christlichen Kontext – die Geburt des Johannes, Marien-Geburt und, na klar, die Geburt Christi. Tatsächlich interessieren uns diese „Geburten“ hier überhaupt nicht, denn es sind eigentlich keine. Es sind Szenen aus dem Wochenbett. Schaut Euch einmal die Abbildung vom Deckenfresko der Basilika San Francesco (Assisi) über die Geburt Christi von Giotto die Bondone an. Die Gottesmutter sitzt auf einem Polster und hält das gewickelte Jesus-Kind im Arm. Und dieser Bildaufbau mit gleichen bzw. ähnlichen Elementen (Ikonographie) wurde gefühlt unendliche Male wiederholt. Alle unter dem Titel „Geburt“, aber diese Werke zeigen nun mal keine. Stellt Euch mal vor, Geburten im christlichen Kontext hätten Frauen in ihrer (Gebär-)Kraft dargestellt. In meinem Kopf würde der Fokus nicht ausschließlich auf dem Neugeborenen (Gottessohn) liegen, sondern auch auf der gebärenden Frau (Gottesmutter). Tja, passt halt nicht zum Patriarchat. Wird Zeit, dass wir das ändern! 

Hurra – Aufrechte Geburtshaltungen

Altperuanische Bestattungsurne, Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum, V A 47912, Fotograf: Martin Franken
Altperuanische Bestattungsurne, Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum, V A 47912, Fotograf: Martin Franken

Ja, es gibt sie tatsächlich, die Darstellungen von aufrechten Gebärhaltungen. Der Großteil davon lässt sich in vorschriftlichen Kulturen finden. Hier sind Geburtsszenen oftmals an Ritualgegenständen wie Urnen oder Vasen zu finden. Sie waren damit ein Teil des Alltags. Das Ethnologische Museum in Berlin hat eine solche Urne in ihrer Sammlung. Hier könnt ihr Folgendes erkennen: Die Gebärende sitzt auf einem Gebärhocker, der Kopf des Kindes wird gerade von einer Geburtshelferin in Empfang genommen, während die Gebärende zusätzlich durch eine weitere Person von hinten gestützt wird. Das sagt Euch zwei wichtige Dinge: Zum einen, dass die aufrechte Gebärhaltung üblicher war und zum anderen, dass Geburten bereits zu jener Zeit oftmals von Geburtshelfer:innen begleitet wurden.

Eine Geburtsszene für ein Grab

Diese 3er-Konstellation aus Gebärender, Hebamme und Helferin setzt sich in den Darstellungen der Vormoderne fort. Ein besonderes Beispiel dafür ist das Grabrelief der römischen Hebamme Scribonia Attica. Auch hier ist ein steinerner Geburtsstuhl zu erkennen, auf dem die Gebärende sitzt. Sie wird von hinten durch eine weitere Person gestützt, während die Hebamme, in diesem Fall Scribonia Attica, gerade eine vaginale Untersuchung durchführt. Ihre rechte Hand verschwindet dafür zwischen den Beinen der Gebärenden. Die Blicke der Anwesenden sind alle auf die Betrachter:innen außerhalb des Bildes gerichtet. Ich fühle mich dadurch störend.
Und dieses Grabrelief ist wirklich ein einzigartiger Schatz. Warum? Nun, erstmal ist es bis heute erhalten, wenngleich die Darstellung von den Elementen der Natur immer mehr abgetragen wird.  Dennoch existieren Fotografien und wir müssen nicht mehr darüber diskutieren, ob es im alten Rom Hebammen gab. Dann müsst ihr wissen, dass es sehr, sehr selten war, dass sich eine Hebamme eine solche Grabkammer samt Relief überhaupt leisten konnte. Attica muss also ein hohes Ansehen genossen haben. Dies hing vermutlich auch damit zusammen, dass ihr Mann, Marcus Ulpius, Arzt war. Sein Grab befindet sich neben dem von Attica und hat ebenfalls ein Grabrelief, welches einen praktizierenden Arzt zeigt. Und zu guter Letzt ist es wichtig zu bedenken, dass Frauen grundsätzlich in der antiken Kunst eher weniger dargestellt wurden. Das Ideal war der schöne Jüngling. Das hatte sich zwar zu Zeiten von Scribonia Attica bereits gelockert, war aber bei weitem noch nicht die Regel.2

Koriandersamen

Eine weitere wichtige Quelle bei meiner Recherche waren Lehrbücher der Vormoderne. Eine der ältesten Illustrationen zur menschlichen Geburt ist dabei die Darstellung aus der Medicina Antiqua des Codex 93. Die medizinische Sammelhandschrift stammt aus dem 13. Jahrhundert und gehört zum Bestand der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien. Sie besteht aus sage und schreibe 161 Pergamentblättern mit zahlreichen unterschiedlichen Illustrationen von Menschen und Heilpflanzen. Bei der Geburtsdarstellung sitzt die Gebärende auch auf einem steinernen Gebärstuhl, der mit einem Kissen gepolstert ist. Um sie herum sind vier Helferinnen. Eine davon stützt die Gebärende von hinten. Zwei weitere Helferinnen in grauen Gewändern stehen zu beiden Seiten. Mit Handgesten scheinen sie die Gebärende motivieren zu wollen. Im rechten unteren Bildteil sitzt die Hebamme auf einem typisch hölzernen Hebammenhocker. Sie ist gerade dabei mit der rechten Hand einen Koriandersamen vaginal einzuführen, wofür die Gebärende mit den Händen den vorderen Teil ihres Kleides vor ihrem Unterleib zusammengerafft hält. Mit der linken Hand hält die Hebamme das rechte Knie der Gebärenden. Dass Koriandersamen geburtsbeschleunigend wirken, wird oberhalb der Illustration erwähnt. Wer sich nicht von den typisch überstreckten Körperproportionen der Romanik ablenken lässt, wundert sich vielleicht über die Kopfbedeckung der Helferinnen – das sogenannte Gebände. Daran können wir sie als verheiratete Frauen erkennen. Sie haben bis ins 18. Jahrhundert, auf dem Lande sogar bis ins 19. Jahrhundert, Geburten als beystehende Weiber oder ehrbare Frauen zusätzlich zur Hebamme betreut.3

Geburtsszene mit Gabe von Koriander, Medicina Antiqua, Medizinische Sammelhandschrift, Codex 93, 1200-1249, 275 x 186 mm, fol102r, Österreichische Nationalbibliothek Wien.

Von Frauen erlebt, von Männern niedergeschrieben – Hebammenbücher

Geburtsszene, Holzdruck, Der Swangern frawen vnd hebamme roszengarte, Eucharius Rößlin, viertes Kapitel, 1513.

Epidemien, Kriege und Wirtschaftskrisen förderten gesundheitliche und hygienische Probleme in der Bevölkerung. Dadurch sahen sich die Obrigkeiten seit dem 14. Jahrhundert gezwungen einzugreifen. So entstanden die ersten Medizinalgesetze und auch Regularien für Hebammen, wie die Regensburger Hebammenordnung von 1452.4 Zeitgleich nahm die Akademisierung der Stadtärzte zu, wobei die Geburtshilfe sowie die Frauen- und Kinderheilkunde bis zum 16. Jahrhundert den Hebammen oblag. Erst mit der Übernahme der Aufsichtspflicht über Hebammen durch die Stadtärzte gewannen diese zunehmend auch Einblick in die Geburtshilfepraxis. Daraus resultierten Hebammenlehrbücher mit Geburtsdarstellungen, die besonders durch die Erfindung des Buchdrucks eine große Verbreitung fanden. Auch wenn mein feministisches Herz hier eine kleine Träne verdrückt, war es ganz logisch, dass die Männer das Wissen der Frauen zu Papier brachten. Es gab keine „Ausbildung“ für Hebammen und die wenigsten konnten überhaupt lesen und schreiben. Aber spannend ist doch, dass es (adlige) Frauen waren, die diese Bücher in Auftrag gaben. Wie bei dem bedeutendsten Hebammenbuch Der Swangern frawen vnd hebamme roszengarte des Frankfurter Stadtarztes Eucharius Rößlin (1470-1526) aus dem Jahr 1513: Bezahlt von Katharina von Braunschweig-Wolffenbüttel, Herzogin von Sachsen-Lauenburg (1488-1563), die ihn zudem mit der Unterweisung der Hebammen beauftragte. Das Buch beschreibt die „Merkmale“ für eine natürliche und widernatürliche Geburt, die Versorgung während der Geburt sowie die Pflege des Neugeborenen. Außerdem gibt es einige wenige, aber signifikante Holzdruck-Illustrationen. Der Großteil davon zeigt zwar das ungeborene Kind in seinen verschieden-möglichen Lagen im Uterus, der damals noch absurd abstrakt dargestellt wurde, aber uns interessiert ja vor allem die konkrete Geburtssituation gleich zu Beginn des Buches. Sie zeigt eine kleine Kammer mit einfach verzierter Holzdecke, einer Steinwand und Gitterfenstern. Mitten im Raum sehen wir die uns bereits bekannte 3er-Konstellation.  Die Gebärende sitzt mit deutlich gewölbtem Bauch auf einem Gebärstuhl. Sie hat ihren rechten Arm oberhalb des Bauches abgelegt und stützt sich mit der linken Hand am Rand der Sitzfläche ab. Lange Gewänder verhüllen ihren Körper, nur der linke nackte Fuß wird sichtbar, als die Frau, die vor ihr sitzt, die Gewänder der Gebärenden für eine Untersuchung anheben muss. Dabei handelt es sich zweifelsfrei um die Hebamme. Der Gürtel mit Hebammentasche und Instrumenten ist ebenfalls gut zu erkennen. 

Kurz Pause drücken und Gedanken sortieren…

Ja, es gibt in der Kunst Darstellungen, die eine aufrechte Gebärhaltung zeigen. Sie werden überwiegend auf Alltags- bzw. Ritualgegenständen in vorschriftlichen Kulturen (und Naturvölkern) oder in Lehrbüchern der Vormoderne verwendet. Damit liegt ihr Zweck in der alltäglichen Nutzung ohne den Anspruch einer künstlerischen Ästhetik. Dadurch können wir diese Darstellungen auch durchaus als Zeitzeugnisse verstehen, die Geburten so wiedergegeben haben, wie sie wirklich abliefen. Das wiederrum heißt für unser Geburtsbild, dass es zu dem damaligen Zeitpunkt üblich war eine aufrechte Geburtsposition zu wählen. Warum ich das noch einmal so betone, werdet ihr gleich erfahren. Denn jetzt schauen wir uns Geburtsdarstellungen der profanen Malerei an.

Und Play.

Aber auch hier gibt es sie – horizontale Geburtshaltungen

Ich kann Euch hier leider nicht alle Werke als Lichtbild zeigen (Bildrechte sind ja sowas von *piep* teuer!). Allen Wissensdurstigen da draußen gebe ich aber diese Liste mit allen Werken, die ich bei meiner Recherche gefunden und für meine Bachelorarbeit untersucht habe, an die Hand:

Abraham Bosse, Geburt, 1633
Heinrich Zille, Werden, 1898
Otto Dix, Geburt, 1928 (Federzeichnung)
Karl Hagedorn, Eine Hausgeburt, o.D.
Marc Chagall, Geburt, 1910
Max Beckmann, Geburt, 1937,
Charlotte Berend-Corinth, Die schwere Stunde, 1908
Hannah Höch, Skizze zu Geburt, 1921
Hannah Höch, Geburt, 1923
Frida Kahlo, Meine Geburt, 1932
Maina-Miriam Munsky, Kabine I und Kabine II, 1971

Einige wenige davon möchte ich Euch gerne vorstellen. Dass der erste Zeitabschnitt dieser Liste von Männern und der zweite dann von Frauen bestimmt wird, ist mal eine kleine Notiz am Rande. Frauen durften in Deutschland ja erst ab 1920 offiziell an einer Kunstakademie studieren.
Nun, konkret beschreiben muss ich die Werke hier jetzt nicht, denn der für uns wichtige Teil ist klar: Alle zeigen eine Geburt in horizontaler Lage. Die Grafik des niederländischen Künstlers Abraham Bosse (1604-1676) ist hierbei deshalb so besonders, weil es bei meinen recherchierten Werken die erste Darstellung ist, die eine Geburt außerhalb des Lehrbuch-Kontextes auf einem lit de travail (wörtlich: Arbeitsbett) und in halber Rückenlage zeigt. Es stammt aus dem 17. Jahrhundert und markiert in meiner Gesamtauswahl irgendwie die Wende. Auch im Hebammenbuch der berühmten Chur-Brandenburgischen Hofhebamme Justine Siegemund (1636-1705), eines von nur zwei durch Frauen veröffentlichten Büchern, fand ich ebenfalls erste Erläuterungen zur Nutzung eines Kreyß-Bettes.5 Leider bedienten sich die Herausgeber dieser Lehrbücher bereits keiner Illustrationen konkreter Geburten mehr. Der Fokus verlagerte sich bereits damals deutlich auf die Pathologie der Geburt mit dem Kind im Mittelpunkt.

Geburt, Abraham Bosse, 1633, 29,2 x 37,8 cm, Radierung mit Gravur, Metropolitan Museum of Art, New York.

Geburt als schonungsloses Gesellschaftsportrait

Wir sollten allerdings bedenken, dass wir hier nicht so einfach davon ausgehen können, dass diese Werke ebenfalls Zeitzeugnisse sind. Im Verlauf der Jahrhunderte und damit einhergehenden Kunstentwicklungen nahm der Anspruch an eine eigenständige Ästhetik einen viel größeren Raum ein. Dazu zählen auch Komposition und Inszenierung. Bei den Werken Abraham Bosses, Heinrich Zilles (1858-1929) oder Otto Dix‘ (1891-1969) liegt es dennoch nahe, da alle drei mit ihrem Gesamtwerk als „schonungslose Gesellschaftsporträtisten“ wahrgenommen wurden.6 Dix portraitierte dabei sogar vor allem das Extreme. Möglicherweise ist auch genau das der Grund, warum sich Geburtsdarstellungen im Gesamtwerk dieser Künstler überhaupt finden lassen. Es scheint, als wurde Geburt bereits damals als extremes Ereignis empfunden, welches zwar etwas Alltägliches war, aber dessen Darstellung zunehmend tabuisiert wurde. 

Bei Hagedorns A Home Birth, Chagalls Geburt (1910) und auch bei Beckmanns Geburt (1937) impliziert der Werktitel zwar die Darstellung eines Geburtsvorganges. Allerdings zeigen alle drei Gemälde, wie bei den Darstellungen im christlichen Themenkreis, keine explizite Geburt, sondern vielmehr einen Zeitpunkt kurz nach der Geburt. Trotzdem lässt sich bei diesen drei Werken vermuten, dass die dargestellte Position der Mutter der Gebärposition entspricht. In allen drei Fällen wird die Frau liegend gezeigt.

Geburt im Gesamtwerk von Künstlerinnen

Bei den Geburtsdarstellungen der Künstlerinnen fiel mir auf, dass alle einen persönlichen Bezug zu diesem Thema hatten. Charlotte Berend-Corinth (1880-1967) hatte zweimal selbst eine Geburt erlebt. Die Kunsthistorikerin Jutta Thamer sieht in diesem Werk sogar die erstmalige künstlerische Loslösung der Malerin von der Kunst ihres Lehrers und Ehemannes Lovis Corinth (1858-1925).7 Das Thema der Geburt, überwiegend nur Frauen wirklich zugänglich, soll also Berend-Corinth die künstlerische Eigenständigkeit ermöglicht haben. Ist es nicht genau das, was so viele Frauen nach Geburten auch erleben – der Stolz auf den eigenen Körper und das Wissen über die eigenen Fähigkeiten?

Geburt als Traumabewältigung

Hannah Höch (1889-1978) schuf eigentlich überwiegend politische Dada-Collagen. In den 1920er Jahren sind allerdings zahlreiche Werke zum Thema Mutterschaft und Geburt entstanden. Sie verarbeitete darin ihre traumatisierende Beziehung zu dem Dada-Künstler Raoul Hausmann (1886–1971). Hausmann war zum Zeitpunkt der Beziehung bereits liiert und hatte eine Tochter. Dennoch forderte er von Höch wiederholt weitere gemeinsame Kinder, was sie wiederrum an die Forderung nach einer monogamischen Beziehung knüpfte. Höch entschied sich in jener Zeit zu zwei Schwangerschaftsabbrüchen und schlussendlich zur Beendigung der Beziehung. In der Skizze von 1921 wird die Mutter in Rückenlage gezeigt. Das Neugeborene liegt noch zwischen den Beinen der Mutter und ist über die Nabelschnur mit der Plazenta verbunden. Die Nachgeburt steht noch aus. Das Bild wird durch eine expressive Farbgebung bestimmt. Rot und Orange werden von braunen, blau bis schwarzen Schatten durchbrochen. Zwei Lichtquellen außerhalb des Bildes links und rechts lassen dabei die wichtigsten Elemente, also die Gebärende, das Neugeborene und die Hebamme, leuchten. Die kubistischen Körperformen und die starken Konturen bringen Härte in die Darstellung. Hier wurde ein sehr düsteres und dramatisches Bild von Geburt gemalt. Eine Wahrnehmung, die in unserer Gesellschaft seit langem fest verankert scheint.

200 x Geburt

Eine wirklich einzigartige Auseinandersetzung mit dem Thema könnt ihr im Werk von Maina-Miriam Munsky (1943-1999) finden. Ende der 1960er Jahre erhält Munsky die Erlaubnis neun Monate lang auf den verschiedenen Stationen der Städtischen Frauenklinik Berlin-Neukölln zu hospitieren und dokumentiert dabei zahlreiche Geburten und Operationen mit der Kamera. Das dabei entstehende Diaarchiv dient ihr in den Jahren danach als Vorlage für insgesamt 200 Ölgemälde zu dem Thema.8 Erstmals werden hier Geburten in einem Krankenhaus inszeniert. In Kabine I schaut der Betrachter über das Kopfteil eines Bettes im Bildvordergrund in den Raum. In der Bildmitte sind zwei Unterschenkel zu sehen, die gespreizt und angewinkelt auf dem Bett ruhen. Ein Laken bedeckt den gewölbten Bauch, der zwischen den Konstruktionen des Bettgestells nur schwer erkennbar ist. Restliche Körperpartien wie Arme und Kopf fehlen komplett. Die Gebärende befindet sich in flacher Rückenlage. Schläuche in der rechten, unteren Bildecke deuten die Präsenz von Krankenhausgeräten an. Auch Kabine II verzichtet auf Geburtshelfer oder die vollständige Darstellung der Gebärenden. Lediglich ihr rechter Unterschenkel, welcher in einer Beinhalterung für die Steinschnittlage liegt, ist am rechten Bildrand dargestellt. Den Großteil des Gemäldes bestimmen die blauen Fliesen der Wände. Beide Darstellungen wirken kalt und steril. Sie erwecken den Eindruck von Geburt als Fließbandarbeit ohne Persönlichkeit und Individualität. Die Körper wirken verlassen, da erstmalig keine Geburtshelfer dargestellt sind. Kommt Euch das bekannt vor? Mich erinnern diese Bilder an die aktuelle Lage auf Geburtsstationen, wo oftmals eine Hebamme für mehrere Geburten parallel verantwortlich ist und Gebärende immer wieder allein im Kreißsaal zurückbleiben. Zwischen dem Bild und heute liegen ungefähr 60 Jahre…

Wir können aber bei Munsky und Höch trotzdem nicht pauschal behaupten, dass diese in ihren Werken übliches Prozedere abgebildet haben. Sicher, Munsky ist durch ihre dokumentarische Arbeit vermutlich sehr nahe an der Wirklichkeit dran. Es ist aber auch bekannt, dass sie die Diaaufnahmen nie 1:1 malte, sondern veränderte, Dinge wegließ. Natürlich bleibt trotzdem die Frage: Was hat die hier genannten Künstler:innen dazu veranlasst die Gebärenden überhaupt in Rückenlage zu inszenieren? Zeitgenössische Geburtspraxis? Komposition? Prägung? Künstlerische Inszenierung?

Neue Ära

Aber hey – help is on the way! Jonathan Waller (*1956) zum Beispiel ist ein britischer Künstler, der nach der Geburt seiner Tochter Eva zahlreiche Geburtsbilder malte. Mit Kohle, Gouache, Pastell und Schellack entstanden seit 1996 um die 50 fast lebensgroße, farbenreiche Werke, die die körperliche und emotionale Erfahrung einer Geburt darstellen und Frauen in ihrer Fähigkeit Kinder zu gebären feiern. Ein damaliger Zeitungsbericht zeigt, wie sehr dieses Sujet (Bildthema) in der Kunstwelt als Provokation verstanden wurde und mir stellt sich die Frage, wie weit unsere Gesellschaft bei der Akzeptanz von Wehen und Geburt und ihrer visuellen Darstellung eigentlich gekommen ist?!9

Jonathan’s work has provoked a stir in the art world. One of his pictures was removed from a mixed exhibition at the Flowers East gallery in London, where Jonathan had been formerly promoted as one of their artists. It was said to be too strong for the public. […] The most contentious aspect of Jonathan Waller’s pictures might simply be their presentation of positive images celebrating women and their capacity to bear forth.

Jessica James

Waller stellt die verschiedensten Gebärhaltungen dar. Der überwiegende Teil zeigt die aufrechte Haltung.

Oder schaut Euch die Werke von Natalie Lennard (*1986) an! Sie ist eine britische Kunst- und Werbefotografin. Ihr Projekt Birth Undisturbed ist eine Serie inszenierter Fotografien über Geburt und wird von einer Videodokumentation begleitet. Das Projekt soll zwar die Rohheit der Geburt in die Kunstwelt und das westliche Bewusstsein bringen. Sie zeigt aber auch Geburten von Ikonen wie der Jungfrau Maria und entlarvt damit die Möchtegern-Geburtendarstellungen aus dem christlichen Themenkreis. 

Every year we celebrate a natural birth, a story that takes place in the most primitive surroundings. Mary, giving birth to the Son of God in a stable, that infamous image portrayed countlessly in culture, familiar to even the non-religious. Yet how is it that beyond Julius Garibaldi’s painting of 1891 where Mary and Joseph are slumped in raw exhaustion, we have never seen a ‘real’ depiction of birth biology, particularly of Mary in upright, ecstatic primal instinct that such an environment would have helped facilitate?  Risking controversy to use universal characters to portray the ultimate ‘birth undisturbed’, amongst other mammals in a dim and lowly environment, suggests to modern woman that often in birth, less is more. The ideal of course lies really in the balance of nature and medicine, but to depict Mary in the powerful moment of bringing Christ Earthside, into the calm and steady hands of an actively participating Joseph, protests any notion that the humbling, creative power of woman is anything but as awe-inspiring as the creative hand of God himself.
The Creation of Man, Natalie Lennard, 2017, Fotografie

Was wir brauchen sind langweilige Geburtsbilder und Wissenschaften, die nicht Schwarzer Peter spielen

Zum Schluss will ich Euch kurz noch etwas zu meinem BA-Gutachten sagen. Ich hatte, wie üblich, ja zwei Betreuer. Meine Professorin gab mir interessante Fragen mit auf den Weg und übte konstruktiv Kritik. Mein Professor hingegen ist der Meinung, dass die Beurteilung der in der Kunst verwendeten Gebärhaltungen „nicht in den Kompetenzbereich eines Kunsthistorikers fällt“. Ich bin da ganz seiner Meinung – sie fällt wohl eher in den Bereich von Kunsthistorikerinnen *Zwinkersmiley*. Wer, wenn nicht Kunsthistoriker:innen untersuchen Kunstwerke hinsichtlich ihres Inhaltes und Kontextes. Warum sollte da beim Thema Geburt eine Ausnahme gemacht werden? Gerade, wenn in den profanen Darstellungen nicht eindeutig geklärt werden kann, ob sie zeitgenössische „Verfahren“ wiedergeben oder eben kompositorisch in Szene gesetzt sind, muss die Wahl der Gebärhaltung dann erst recht hinterfragt werden.

Langer Blog – kurzer Sinn

  • Im Vergleich zu modernen Medien variieren Geburtsdarstellungen in der Kunst deutlich
  • Illustrationen in Lehrbüchern der Vormoderne zeigen oftmals aufrechte Gebärhaltungen
  • Das Thema der Geburt findet in der Wissenschaft abseits der Medizin zu wenig Beachtung
  • Profane Geburtsdarstellungen zegen horizontale Gebärhaltungen, sollten aber nicht ausschließlich als Abbild der Wirklichkeit verstanden werden

Vielen Dank an Natalie Lennard, das Ethnologische Museum Berlin und die Österreichische Nationalbibliothek für die Erlaubnis zur Veröffentlichung der Lichtbilder.


Literatur

1 Hennessey, A. & Davis-Floyd, R. (2019). Imagery, ritual, and birth: Ontology between the sacred and the secular. Lexington Books.
2 Totelin, L. (2017). Call the (Roman) midwife. Laurence Totelin on the birthing experts of antiquity, in: The Story of Medicine – BBC History Magazin Collector’s Edition, S.40-43.
3 Labouvie, E. (1998). Andere Umstände: Eine Kulturgeschichte der Geburt, Böhlau, S.103-112
4 Niedermeier, H. (1975). Die Regensburger Hebammenordnung von 1452, in: Verhandlungen des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg, 115, 253–266. https://www.heimatforschung-regensburg.de/2045/
5 Siegemund, J. (1690). Die Chur-Brandenburgische Hoff-Wehe-Mutter. https://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/2904/1
6 Emmert, C., Neddermeyer, I. & Dix, O. (Hrsg.). (2016). Otto Dix – alles muss ich sehen! Hatje Cantz Verlag.
7 Thamer, J. (1980). Charlotte Berend-Corinth: Malerin, Ehefrau, Autorin. In Kunstverein Erlangen & C. Berend-Corinth (Hrsg.), Charlotte Berend-Corinth eine Ausstellung zum 100. Geburtstag der Künstlerin; Malerei und Graphik; Kunstverein Erlangen e.V., Palais Stutterheim, 9. März bis 29. März 1980 (S. 4–8).
8 Schüler, J./Poll, E. (2013). Maina-Miriam Munsky. Die Angst wegmalen. Bestandsverzeichnis der Gemälde und Zeichnungen 1964 – 1998. Ausstellungskatalog Galerie Eva Poll Berlin, Bönen.
9 James, J. (1998). The shock of creation, in: New Generation. The Journal of the NCT 3, S.4-6.

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