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Bilder sind wie Klebstoff im Hirn – Ein Gastbeitrag von Anja Lehnertz-Hemberger

von | Mrz 8, 2022 | 0 Kommentare

Das Betrachten eines Bildes ist nicht nur ein Prozess des Sehens, sondern auch des Denkens und Deutens.

Josephine Karge1

Für unsere Bachelorarbeit verlegten, meine Kollegin Jana und ich, über das Jahr 2020 verteilt, unseren Arbeitsort immer mal wieder in eine deutsche Grundschule. Wir wollten für unsere qualitative Forschungsarbeit herauszufinden, welches subjektive Wissen Kinder im Alter von 9-11 Jahren zum Thema Geburt haben. Dafür bekamen wir die Möglichkeit sog. Fokusgruppen mit je 3-4 Mädchen an drei verschiedenen Grundschulen in Deutschland zu befragen. Das Forschen mit Kindern verlangt uns Erwachsenen eine gewisse Haltung ab, die wir im Vorfeld angelehnt an Thomas Trautmann in einem Kodex niederschrieben. Wir haben ihn für Euch am Ende des Blogs noch einmal aufgeschrieben. Doch nun erstmal zu unseren Forschungsergebnissen.

Grundschülerinnen als Expertinnen

Vor uns sitzen vier Mädchen. Alle erwarten aufgeregt, was in der nächsten Stunde auf sie zukommt. Sie reden durcheinander. Umarmen sich und schauen mit wachen Augen mich und meine Kollegin Jana an. Zu Beginn erklären wir ihnen unser Vorhaben und unser Vorgehen. Wir stellen klar, dass Sie die Expertinnen sind. Nach einer einführenden Geschichte beginnt die eigentliche Forschungszeit. Dazu stellen wir fünf Leitfragen an jede Fokusgruppe:

  • Wo können Kinder geboren werden?
  • Hast Du eine Idee, welche Personen bei einer Geburt dabei sind?
  • Wie sieht der Ort aus, an dem Kinder geboren werden?
  • Wie fühlen sich die Personen, die bei der Geburt anwesend sind?
  • Weißt du, wie du geboren wurdest?

Allerdings dürfen die Mädchen die Fragen nicht nur beantworten, sondern bekommen auch den Auftrag uns das Gesagte bildlich darzustellen. Um aussagekräftige Bilder zu erhalten bedienten wir uns der Wachsmalblöcke und einem weißen DIN 1 Blatt.

Von Beinhaltern und Infusionsnadeln

Nach dem Interview der ersten Fokusgruppe wurden wir sehr nachdenklich. Die Mädchen malten einen gekachelten, sterilen Raum mit einer Lampe als einziger Lichtquelle. Sie platzierten die Gebärende in Rückenlage mit explizit gezeichneten Beinhaltern. Der Arzt wurde von Ihnen zwischen den Beinen der Gebärenden positioniert. Es erinnerte uns sehr an bekannte Bilder aus den Medien. Am Ende des ersten Interviews bekamen alle Anwesenden auf dem Bild noch einen grünen Kittel, zum Schutz vor „Krebs“, an.

Die Befragung der zweiten Gruppe toppte das Ganze dann noch. Hier wurde die Medikalisierung der Geburt durch die Infusion und die Nadel in der Hand deutlich. Auch hier platzierten die Mädchen die Gebärende in Rückenlage und malten diesmal sogar ein Krankenhaushemd, welches übrigens von allen Gruppen, als Kleidung der Gebärenden, genannt wurde. Der Raum wurde als OP-Saal beschrieben. Der Vater, der in der ersten Gruppe noch neben dem Bett zu finden war, wurde von dieser Gruppe ins Wartezimmer gesetzt.

„Echt? Kinder können im Wasser geboren werden?“

Die dritte Fokusgruppe stimmte uns versöhnlich. Hier wurde das Ergebnis von einem Mädchen bestimmt, das einige Monate vor der Befragung durch Zufall eine Kindersendung gesehen hatte, die einen deutlichen Einfluss auf ihr Wissen zum Thema Geburt hatte. Dazu ein Auszug aus unserem Interview:

Interviewerin: „Also, wo kommen denn die Kinder zur Welt?“

Emy: „Auf ‘nem Hocker. Im Wasser, also in so einer Badewanne oder auf so ‘ner, so ‘ner Liege.“

Interviewerin: „Echt? Kinder können im Wasser geboren werden?“

Emy: „Ja!“

Interviewerin: „Cool! Und wisst ihr das, also kennt ihr das auch alle?“

Maja: „Also, im Wasser kenn ich jetzt nicht.“

Theresa: „Ich auch nicht!“ (lachen)

Die Gruppe zeichnet uns schlussendlich die Geburtsszene im Wasser. Außerdem war es dieser Gruppe sehr wichtig, dass der Raum von „Gemütlichkeit“ geprägt ist, denn die Gebärende müsse sich wohlfühlen.

Das Ding mit den Gefühlen

Die Gruppen bekamen kurz vor Ende der aktiven Mal-Zeit noch die Frage nach den Gefühlen der anwesenden Personen gestellt. Dabei wurden die Farbe Rot für die Liebe, Gelb für die Freude und Schwarz für die Angst von den Kindern definiert. 

Wie auf den Bildern zu erkennen ist, wird fast allen Personen genau dieses Gefühlschaos zugeteilt. Mit anderen Worten, es schwingt immer Liebe und Freude bei den Anwesenden mit, aber auch Angst. Angst, dass etwas schiefgeht. Angst, dass das Baby sterben wird. Angst, dass der Arzt etwas falsch macht. Angst, dass Geburt weh tut. Angst, dass die Frau stirbt. 

„Ja, bei mancher Geburt sterben die Eltern, also die Mutter.“ (Anna, Gruppe 2)

Diese Beschreibung von Angst, sogar das Sterben, als Gefühl für alle Personen, spiegelt die Fehldarstellung der medial dargestellten Geburt wider. Diese wird häufig als riskant, dramatisch und schmerzhaft dargestellt. Die Idee vom Gefühl der Angst unterstützt somit eventuell unterbewusst die Wahl des Krankenhauses als Geburtsort, denn nur dort kann medizinisch im Notfall geholfen werden.

Können wir, als Gesellschaft, die Geburt noch als positives natürliches Ereignis wahrnehmen?

„Sie haben festgestellt, dass jetzt das Baby raus muss“ – Kommentare zu Geburten im persönlichen Umfeld der Mädchen

Und zu Letzt war für uns noch interessant, was die Mädchen eigentlich über ihre eigene Geburt oder von Geburten in ihrer Verwandtschaft wissen.
Von Ich weiß das nicht, über Mein Cousin wurde per Kaiserschnitt geboren, oder Sie haben festgestellt, dass jetzt das Baby raus muss. Und dann sind wir zu einem Raum, ich weiß nicht wie der heißt, OP-Raum glaube ich, wo sie aufgeschnitten haben bis hin zu Ja, ich weiß nur, dass ich eigentlich nicht normal durch die Scheide von der Mama gekommen bin, weil ich bin irgendwie festgesteckt oder so. Und dann mussten die Ärzte der Mama einen Kaiserschnitt machen.

Auch die Erzählung der spontanen Geburt von Anna klingt dramatisch: Ich weiß noch, dass ich dann auch nach der Geburt fast keine Luft bekommen habe und deswegen habe ich meine Nabelschnur nochmal um den Hals gehabt.

Eine gute Geburt scheint hier durch die, um den Hals gewickelte Nabelschnur, dramatisch ergänzt. Eigentlich wäre das kleine Mädchen gar nicht erstickt, denn die Nabelschnur war ja scheinbar noch mit der Placenta und somit mit der Mutter verbunden. Reicht eine schöne, spontane Geburt als Geburtsgeschichte nicht aus? Warum ergänzen wir Eltern um Dramatik und erzählen in dramatischen Worten von der Geburt?

Wie sieht eigentlich eine Hebamme aus?

Weiterhin interessant war für uns, dass wir in allen Gruppen die gleiche Frage der Mädchen wahrnehmen konnten: Wie sieht eigentlich eine Hebamme aus?  Zwar wurde sie als anwesende Person genannt, jedoch fiel es allen schwer Hebammen als Person zu malen bzw. zu kennzeichnen. Eines der Mädchen konfrontierte mich sogar direkt mit der Frage. Da wir als Forscherinnen keine Antworten geben durften, blickte das Mädchen im Raum umher. Nach einem kurzen Moment fiel ihr Blick auf meine Kollegin und mich und sie sagte schließlich: Ach, so wie du. Nur die Perlenohrringe kann ich nicht so gut malen.

Was könnte also in Zukunft unser Hebammenbild prägen, damit Kindern das Malen einer Hebamme genauso leicht fällt, wie das des „Arztes“ oder der „Krankenschwester“?

Mehr Forschung, bitte!

Unser Forschungsprojekt war sehr spannend und ergebnisreich. Obwohl uns alle Fokusgruppen als Geburtsort auch das eigene Zuhause nannten und es sogar Erfahrungen mit Tiergeburten oder Hausgeburten in der eigenen Familie gab, malten alle Gruppen einen Ort im Krankenhaus, an dem die Geburt stattfand.
Die Interpretation der gefundenen Aussagen bei nur drei Fokusgruppen (mit ausschließlich Mädchen) ist zwar schwierig, aber für die Forschung trotzdem richtungsweisend. Das Wissen über die Geburt muss großflächiger analysiert und untersucht werden, da wir bereits den Einfluss von Vorwissen über Geburt auf die eigene Geburtserfahrung kennen.2 Und dass Medien einen Einfluss auf das Wissen von Kindern haben, wurde wiederum in anderen Studien (z.B. Sexualkundeunterricht) bewiesen: Die Medien wirken prägend bei der Sozialisation und bedeuten einen ernst zu nehmenden Faktor bei der Vermittlung von Klischees, vor allem, weil oft genug nicht zwischen gespieltem und wirklichem Leben getrennt wird.3

Bilder sind wie Klebstoff im Hirn, deshalb müssen wir gemeinsam die bisherigen Bilder von Geburt in der Kinderliteratur, den Medien und dem Sexualkundeunterricht überdenken und verändern, um damit nachhaltig die Geburtskultur positiver und selbstbestimmter zu gestalten.

Langer Blog – Kurzer Sinn

  • Kinder haben bereits ein konkretes Bild von Geburt im Kopf,
    sie brauchen daher positive Geburtsbilder und Geschichten
  • Die Literatur und die Medien müssen ihre Darstellung von Geburt überdenken
  • Lehrmaterial in der Schule muss auf physiologische Darstellung von Geburt verändert werden
  • Das Thema Geburt muss einen Stellenwert im Kindergarten, Grundschule und weiterführende Schule bekommen

Unser Kodex für die Forschungsarbeit mit Kindern

Ich spreche deutlich und langsam.
Ich spreche mit Denkpausen.
Ich habe den Mut, Stille zuzulassen.
Ich frage nicht vorschnell dazwischen.
Ich unterbreche nicht.
Ich verzettle mich nicht in Einzelheiten.
Ich höre aktiv zu.
Ich lasse die Kinder Malen ohne zu werten.
Ich beziehe meine Fragen auf Gesagtes, ohne abzuschweifen.
Ich fühle mich nicht persönlich betroffen.
Ich nehme die Ideen der Kinder wertschätzend an.
Ich nehme Grenzen/Scham der Kinder in der Befragung wahr.


Anja Lehnertz-Hemberger Portrait

Anja Lehnertz-Hemberger

ist (studierte) Hebamme, Aktivistin und Mama von 8 Kindern (2 Sternenkindern). Sie lebt zusammen mit ihrer großen Patchwork-Familie in Waldbronn und arbeitet angestellt wie auch freiberuflich im gesamten Feld der Hebamme. Als Hebamme am Limit bloggt sie über ihren Alltag als Hebamme und Mutter. Darüber hinaus engagiert sie sich intensiv für eine sichere Geburtshilfe in der Politik und bei Mother Hood e.V. Immer wieder initiiert sie dafür auch Kunstprojekte, um auf Missstände in der Geburtshilfe aufmerksam zu machen.


Literatur

1 Karg, Josephine: „Bild, sprich mit mir! [Review on: Sachs-Hombach, Klaus; Totzke, Rainer (Hg.): Bilder-Sehen-Denken. Zum Verhältnis von begrifflich-philosophischen und empirisch-psychologischen Ansätzen in der bildwissenschaftlichen Forschung. Köln: Halem, 2011.]“, in: KULT_online 35, 2013.
http://kult-online.uni-giessen.de/archiv/2013/ausgabe-35/rezensionen/bild-sprich-mit-mir#inhalt

2 Hauck, Yvonne & Stoll, Kathrin & Hall, Wendy & Downie, Jill: Association between childbirth attitudes and fear on birth preferences of a future generation of Australian parents, in: Women and Birth, 29, 2016, S.511-517.
https://www.researchgate.net/publication/303508911_Association_between_childbirth_attitudes_and_fear_on_birth_preferences_of_a_future_generation_of_Australian_parents

3 Elsen, Hilke: Das Tradieren von Genderstereotypen – Sprache und Medien, in: Interculture journal: Online-Zeitschrift für interkulturelle Studien, Vol. 17, Nr.30, 2018, S. 41-61.
https://epub.ub.uni-muenchen.de/57250/1/Elsen_Das_Tradieren_von_Genderstereotypen.pdf

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